Der König von Tel Aviv
King wohnt in meiner Nachbarschaft. Er ist afrikanischer Musiker, Einwanderer aus Südafrika und ein nahezu perfekter Vertreter des bunten Israels. Doch bevor er das Land liebte, fand er die Israelis schlicht arrogant.
King wohnt in meiner Nachbarschaft. Er ist afrikanischer Musiker, Einwanderer aus Südafrika und ein nahezu perfekter Vertreter des bunten Israels. Doch bevor er das Land liebte, fand er die Israelis schlicht arrogant.
Die Israelis scheinen schier hungrig nach Leben. Das Verlangen, ein unbeschwertes, hedonistisches Dasein zu führen ist groß, ganz besonders in Tel Aviv. Die Stadt ist nicht Israel, die Stadt übertreibt maßlos – doch gerade darum kann man das Lebensgefühl der Menschen hier am besten aufspüren.
Benjamin Netanjahu möchte, ganz den Wünschen der USA folgend, den Siedlungsbau stoppen. Schon sehr bald, heißt es. Doch vorher darf zu Ende gebaut werden, 2500 Gebäude. Palästinenser stürmen einen Außenposten – und viele Israelis sind beschämt über diese Politik.
Wenn Palästinenser und Israelis sich treffen wollen, dann geht das meist nur illegal. Meine arabische Freundin Randa hat keine Erlaubnis für Tel Aviv bekommen, ihr israelischer Freund David darf eigentlich nicht nach Ramallah. Doch er fährt, im eigenen Auto, ab ins „Feindesland.“
Miltterweile wird über den Artikel des schwedischen „Journalisten“ auf höchster diplomatischer Ebene gestritten. Ganz Schweden sei antisemitisch, poltert Außenminister Avigdor Lieberman – Israel habe keinen Deut Ahnung von Meinungs- und Pressefreiheit, wettert Schweden zurück. Ein schönes Lehrstück darüber, wie eine Seite schlecht Geschriebenes Gemüter aufheizen kann.
In Israel sollte man immer seinen Pass dabei haben, nicht nur bei einer Stippvisite hinter die Mauer ins Westjordanland. Denn auch auf israelischem Boden könnte man plötzlich überprüft werden: von den netten Herren der Einwanderungs-Polizei, die immer öfter durch die Straßen streunen.
Schwedens meistgelesenste Zeitung, das Boulevardblatt „Aftonbladet“ (Abendblatt), hat diese Woche einen ganz besonderen Scoop gelandet: die israelische Armee töte Palästinenser, um ihre Organe zu entnehmen, heißt es in einem großen Artikel im Kulturteil. Israel schreit auf im Protest; antisemitische Verschwörungstheorie at its best.
Ich fühle mich erniedrigt und diskriminiert. Die israelische Regierung verweigert mir einen Presseausweis – oder vielmehr gibt sich eine Mitarbeiterin dort große Mühe, immer neue Gründe zu finden, weshalb mir das heilige Kärtchen nicht ausgestellt werden kann.
In Tel Aviv lebt es sich leicht wie in einer großen Seifenblase – doch umso heftiger trifft es die Menschen hier, wenn sie jemand platzen lässt. Zurück vom Strand sitze ich mit Freunden im Heimkino, bis das Handy klingelt: Schießerei in einem Schwulencafé. War es religiöser Terror?
Wie zelebrieren die Israelis eigentlich ihre Wochenendnächte? Zunächst: genau wie wir – und dann: doch etwas anders. Der Start ist schon am Donnerstag, am Ende gibt es Feuerwerk; dazwischen eine Menge mehr Strand und immer wieder ein Quentchen Politik.
Zeitung lesen hat in Israel hat einen hohen Wiederholungswert: viele Nachrichten, gleiche Themen. Verschlingt man anfangs noch jede Zeile politischer Meldungen, mischt sich nun Skepsis in die Lesehaltung: „ Hat er das nicht schon vor einem halben Jahr versprochen?“ Umso größeren Unterhaltungswert haben die Online-Kommentare zu den Artikeln – ein Ausschnitt der Gedankenwelt israelischer Leser.
Glaube goes Hightech. Wer denkt, religiöse Tradition versperre sich der Moderne, der irrt gewaltig. In Israel gibt es immer neue Erfindungen, die das Judentum zeitgemäß verjüngen. Glossenhaftes und Halbernstes zum Shabbat.
Israelis und Palästinenser ringen um Jerusalem wie zwei Hunde um einen dicken Knochen. Wer regelmäßig die Meldungen liest, warum keine Seite auf keinen Fall von „seinem“ Jerusalem lassen will, der legt schnell die rosarote Friedensbrille beiseite. Doch eine jüdische Freundin greift zum Zeichenbrett und will dort verschönern, wo sonst nur abgerissen wird.
Ein Shabbatfrühstück in Tel Aviv stellt man sich eigentlich wenig politisch vor; in einer Nebenstraße der King-George-Flaniermeile sitze ich im begrünten Innenhof eines Cafés und stippe marokkanisches Brot in Sesampaste – bis meine Freundin über die Erlebnisse ihrer Soldatenkameraden in Gaza erzählt.
Ich bin den Menschen in Tel Aviv nicht ganz geheuer. Warum zur Hölle lebe ich hier, wenn mein Zuhause doch Berlin ist? Wie die Mücken zum Licht scheinen die Israelis gen deutscher Hauptstadt auszuschwärmen. Weil sie jung ist und modern – und weil dort tolle Männer sind. Warum der deutsche Mann auf israelische Frauen (und Männer) so anziehend wirkt...
Barack Obama dementierte, dass die USA schon grünes Licht für einen israelischen Militärschlag gegen den Iran gegeben hätten. Die Israelis wissen, dass sie die Hilfe der USA bei einem Irankrieg bräuchten - und einige von ihnen fordern diese Unterstützung ein. Ein Stimmungsbild Teil 2.
Nur noch ein Militärschlag könne den Iran vom Bau der Atombombe abhalten, so hieß es in einer Analyse der israelischen Regierung in Jerusalem. Wenn Washingtons angestrebter Dialog fehlschlägt, sollten sich die USA laut Israel auf einen „Plan B“ einstellen – die israelischen Vorbereitungen für einen Angriff sollen bereits auf Hochtouren laufen. Ein Stimmungsbild junger Israelis, Teil 1.
Israel ist beherrscht von Krieg und Konflikt, doch das ist nicht alles: das Land und seine Bewohner können mehr. Vielleicht gerade wegen ihrer Situation sind viele Meister des leichten und humorvollen Lebens. Eine liebevolle Verabschiedung von Israel und Palästina.
In Ramallah versucht ein palästinensisch-niederländisches Team auf eine ganz besondere Art, gegen die Trennmauer zu kämpfen: sie sprühen Graffiti auf das Grau: Grüße aus aller Welt - und derzeit den "längsten Brief auf einer Mauer." Ein leiser Akt, doch ein lauter Ruf.
Israel feiert diese Woche seinen Unabhängigkeitstag. Ein weiß-blaues Fahnenmeer ergießt sich auf den Straßen, jedes Auto, jedes Haus scheint mit Nationalsymbolik geschmückt. Die Israelis sind stolz auf ihren jüdischen Staat – ich schreibe meine ganz persönliche Sicht über das Land, die Palästinenser und den Konflikt.
Tel Aviv wird 100 Jahre alt. Die Stadt feiert sich selbst und dessen Bewohner ihren Livestyle: Die Metropole am Meer ist alles außer politisch – hier trägt man große Sonnenbrillen statt Flugblätter, ein Leben wie in einer großen Seifenblase. Doch manche wollen sie gerne zerplatzen lassen, mit Kunst auf grauem Beton.
Ostern in Jerusalem ist das Christen-Spektakel der Superlative: Tausende Pilger strömen in die Stadt, laufen auf dem Leidensweg Christi mit Gebetsbuch in der Hand und Kreuz auf dem Rücken. Sie wollen sich Jesus nahe fühlen – bis er ihnen vor die Füße läuft: blutüberströmt mit Dornenkrone.
In Israel ist Pessach. Es ist einer der höchsten jüdischen Feiertage: eine Woche lang wird an Matzen geknabbert und vorher alles Brot verbrannt. Es ist ein Fest voller merkwürdig erscheinender Rituale, mit hartgekochten Eiern und bitterem Kraut – aber vor allem mit sehr viel Wein.
Morgens erwecke ich Misstrauen am Checkpoint zwischen dem Westjordanland und Israel, abends zeigt sich ein palästinensischer Geschäftsmann spendabel. Warum ich nur mit Schwierigkeiten nach Israel einreisen durfte, warum das auch für die Wirtschaft Palästinas ein Problem ist und warum es dort dennoch florierende Geschäfte gibt.
Inwiefern ist Israel für Kriegsverbrechen in Gaza verantwortlich? Beinahe täglich erscheinen neue Berichte von Soldaten, die von militärischem Vorgehen erzählen, das gegen jegliche Konventionen verstößt. Viele Israelis stimmt das nachdenklich – doch wirklich anders denken sie über den Krieg deswegen nicht. Ein kleines Meinungsmosaik.
Seit Purim ist klar, wie Israel feiert. Doch auch im Westjordanland leben Palästinenser nicht freudlos: in Ramallah wird Salsa getanzt und Selbstgebrautes getrunken, nach Jenin wird Alkohol geschmuggelt – und schnell versteckt, wenn Besuch kommt.
Purim ist ein jüdischer Feiertag, der aussieht wie Karneval. Es herrscht Ausnahmezustand in Tel Aviv, Verkleidete torkeln über die Straßen und auch die Orthodoxen bechern, als ob es kein Morgen gäbe.
Es war der erste Anschlag seit meiner Ankunft in Israel im vergangenen Oktober. Ein Baggerfahrer rammt erst ein Polizeiauto, danach einen Bus, dann wird er erschossen. Ein deutscher Freund sah das mit eigenen Augen – und ein palästinensischer Freund ist froh, dass er dennoch abends auf meinem Balkon in Tel Aviv sitzen darf.
Nicht nur zwischen Arabern und Juden sind Liebesbeziehungen kompliziert. Ein ultra-orthodoxes Mädchen darf nicht jeden heiraten, drusische schon gar nicht – doch wenn es zur Hochzeit kommt wird heftig gefeiert.
In Israel kann selbst die Liebe zu einem Politikum werden. Jüdisch ist nicht jüdisch, Israeli nicht Israeli – wer sich falsch verliebt, läuft Gefahr, auch mal aus der eigenen Wohnung gejagt zu werden.
Erst der Krieg gegen Gaza und nun eine rechte Regierung mit Benjamin Netanjahu an der Spitze – Israel erscheint derzeit nicht gerade friedenswillig. Es hagelt internationale Kritik, einige Israelis vermuten darin schnell Antisemitismus. Aber auch Palästinenser nutzen das Holocaust-Argument.
In seinem Wahlkampf hetzte der Rechtspopulist Avigdor Lieberman gegen die arabische Bevölkerung Israels. „Raus mit den Arabern” – so denken viele seiner Wähler. Doch schon seit Jahren fühlen sich israelische Araber ausgegrenzt: im Dorf Jisr az-Zarqa trennt ein künstlicher Wall die Bewohner von der jüdischen Nachbargemeinde.
Israel steht vor den Wahlen. Laut Prognosen könnte es einen politischen Rechtsruck geben, doch Umfragen versagen meist in diesem Land. Ausschnitte von Gedanken und Gesprächen unter Israelis sagen mehr als Hochrechnungen.