The California Zephyr
Sie wollten einen FAZ-Blogger schon immer mal quer durch Europa hetzen? Ihn zum Einkaufen schicken, als wäre er ein Dienstbote, während Sie behaglich daheim auf dem Eisbärenfell vor dem Kamin liegen und vom Sherry erheitert nachlesen, wie es ihm dabei ergeht? Ohne Bezahlinhalte und Kaufnepp, einfach so, weil Sie eine kluge Leserin, ein netter Leser dieses kleinen Projekts sind? Nun, es ist fast Weihnachten, und diesen Wunsch erfülle ich gerne. Sie sagen, was Sie haben wollen, ich fahre nächstes Jahr los und stopfe das alles in meinen grossen, leeren Koffer aus dem Paris des Jahres 1913.
Da stehen wir im Morgenlicht, der Künstler aber zeigt sich nicht. Wir wollten in der französischen Hauptstadt eine Sensation sehen, doch dann wird es peinlich. Am Ende jedoch geht es beglückt von dannen: Der neue Band von Moebius war allen Ärger wert.
Man kann nicht immer nur gewinnen bei jenem Roulettespiel, das da Globalisierung genannt wird. Heute noch spottet man über das Schicksal der Opels und Chryslers dieser Welt, und morgen zieht einem deren Finanzierer das nächste Sakko aus. Natürlich ist man froh, wenn man insgesamt als Sieger aus dem Krieg um Geld und Vermögen hervorgeht, aber in solchen Momenten erfährt man, dass dabei für jeden schmerzliche Verluste hinzunehmen sind. Mal verliert man den Schneider, mal die Amerikaner ihr Vermögen, und Chinesen wechseln vom Ausbeuter, der unter Qualitätsdruck steht, zum letzten Schinder, dem das alles egal ist. Immerhin, man denkt nach. Das ist auch schon was.
Es gibt Themen, mit denen macht man sich keine Freunde. Und es gibt Trennendes, an dem die deutsche Klassengesellschaft schmerzlich im einfachsten Gegensatz zum Vorschein kommt: ich schon. Du nicht. Nun ist dieses Blog vor 99 Beiträgen damit angetreten, eine offene Aussprache über den deutschen Elitenbegriff, genauer, den Elitenbegriff des alten Westdeutschlands anzufachen, und ich möchte nicht 100 Beiträge schreiben, ohne nicht zumindest einmal den Fressfeinden, die an den Stützen der Klassengesellschaft nagen und schmatzen, ins Auge zu blicken und genau das sagen: Ich schon immer. Ihr niemals. Und ihnen damit meinen Gesellschaftsfinger in die Augen zu rammen.
Manche sagen ja, man müsse etwas kennen, um es zu beurteilen. Nun, ohne geköpft worden zu sein, bin ich mir sicher, dass es mir nicht gefallen würde; ohne je tatsächlich den Montblanc bestiegen zu haben, weiss ich, dass mir die Aussicht behagen würde. Und ohne eine Glotze zu besitzen und mehr als ein paar Rudimente des darin verbreiteten Mülls zu kennen, kann ich auch ausführen, warum man sich in meinen Kreisen beharrlich weigert, sich mit einem derartigen Gerät abbilden zu lassen.
Längst erzielen Comic-Originale schwindelerregende Summen im Kunsthandel. Das heißt aber nicht, daß der Kunsthandel viel davon verstehen muß. In Paris kann man gerade ein besonders dummdreistes Angebot bewundern.
Stéphane Heuet betreibt das ambitionierteste Comicvorhaben der Gegenwart: Er will Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" zeichnen. Fünf Bände sind fertig. Ich treffe mich mit ihm in einem Pariser Restaurant zum Mittagessen und lasse mir erzählen, wie es weitergehen wird. Und warum jetzt erst einmal eine Pause eingelegt wird.
Wer auf seiner Reise zum Comicfestival von Angoulême eine Veranstaltung besucht, auf der die Haute volée der Pariser Gesellschaft zu finden ist, kann derzeit sein blaues Wunder erleben. Da kann die grüne Periode von Pablo Picasso nicht mithalten.
Der Louvre zeigt Comics. Das klingt gut, ist aber katastrophal mißlungen. Der Ausstellungsraum ist zu groß, die Zahl der Objekte zu klein, man braucht mehr Zeit, dorthin zu kommen, als dann das Anschauen erfordert, und von Sachkenntnis ist das Ganze gar nicht erst getrübt. Wie gut, daß Paris für Comicliebhaber noch kommerziellen Trost bietet.
Jedes Jahr Ende Januar wird die französische Kleinstadt Angoulême zum Mekka der europäischen Comic-Liebhaber. Dieses Jahr stehen dem Festival Dupuy & Berberian als Präsidenten vor: zwei Comiczeichner, die zu meinen absoluten Favoriten zählen. Deshalb ist mir kein Weg zu weit, um ihre Amtsführung zu beobachten. Morgen früh geht es los, über Paris und Orléans in die Charente. Und in diesem Blog wird sieben Tage lang erzählt, was es auf großer Comic-Tour zu erleben gibt.
Das Überraschendste kam schon bei der Eröffnung der Comic-Ausstellung "Superman und Golem" im Jüdischen Museum von Frankfurt: Salomonm Korn, Vorsitzender der hiesigen Jüdischen Gemeinde, ergriff spontan das Wort und erzählte von seiner Lieeb zu Comics. Die Schau selbst ist ein Genuss, auch wenn sie Geschichten erzählt und Gefühle weckt, die alles andere als angenehm sind.
Eine neue Variante der deutschen Väter-Söhne-Literatur aus den Jahren der Nazigeneration: Boualem Sansals „Das Dorf des Deutschen“ ist nicht sein bestes, aber zweifellos ein wichtiges Buch.